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Time is running out…
18. Januar 2004
Ich habe immer gerne diese Stadt im sanften Schein des Mondes beobachtet… das schwache Licht lässt die Konturen der Gebäude schroff und kantig wie das Gesicht eines alten Mannes erscheinen… Aber ich bedauere es nicht dies morgen früh nicht mehr zu sehen, alles muss sterben und vergehen und warum sollte ich die Berechtigung besitzen mich dem Tod zu entziehen ? Ich kenne den Zeitpunkt meines Todes genau, das ist wohl nicht vielen Lebewesen vorbehalten, denn meist kommt der Tod plötzlich und unerwartet…
Aber ich hingegen habe meinen so genannten „Selbstmord“ bereits geplant. Ich werde hier oben auf dem London Eye auf den Sonnenaufgang warten und das wird auch das letzte sein, dass meine sonst an die Dunkelheit gewöhnten Augen sehen werden. Ich kann mir schon vorstellen, wie das Sonnenlicht meine Haut verbrennt und von mir nur noch ein kleines Häufchen graue Asche übrig bleibt… Bis jetzt habe ich mich 23 Jahre lang in der Finsternis verkrochen wie ein räudiger Köter, doch jetzt will ich zurück ins Licht… (Ich sollte mich zusammenreißen, damit all dies nicht so abgedroschen klingt)…
Es muss lustig sein, dies hier zu lesen… (Falls es irgendwann mal jemand liest) Würde ich das hier auf Tonband aufnehmen würde man es überhaupt nicht verstehen, da ich dazu neige extrem schnell zu sprechen und leicht zu nuscheln… außerdem besitze ich überhaupt kein Tonbandgerät, also vergessen wir das.
Lieber Leser (oder Leserin), sie werden sich wahrscheinlich fragen, was sie da jetzt für seltsame bekritzelte Zettel in der Hand halten, nun ja, dann will ich sie mal aufklären. Ich habe hier praktisch einen Abschnitt meines Lebens niedergeschrieben der mir sehr wichtig ist. Wenn sie von der Polizei sind, lesen sie sie sich ruhig genau durch, doch ich möchte sie darauf hinweisen, dass die Junge Frau die diese Zettel in der Hand hält den Namen Emily Chase trägt und an den Folgen einer langen Krankheit gestorben ist. Sie ist nicht, ich betone noch einmal, NICHT ermordet oder vergewaltigt worden.
Mich werden sie hier vermutlich auch nicht finden, da sich mein Körper sozusagen in Luft, bzw. Asche aufgelöst hat.
Ich bitte sie inständig das hier nicht in irgendeinem Klatschblatt der Boulevardpresse abzudrucken, denn ich will niemanden mit meinem Leben langweilen oder belasten. Mein Wunsch ist es, dass diese Blätter Emily ins Grab gelegt werden, das soll mein letztes Geschenk an sie sein.
Bitte kopieren und veröffentlichen sie es nicht… weder in einer Form von Biographie, noch als billigen Fantasy Roman. Ich habe während meines Literaturstudiums genug von solchen Schund gelesen und will mein Leben nicht als gebundene Ausgabe in einem Bücherregal stehen haben. Auch wenn ich tot bin, habe ich dennoch Rechte !
Aber nun sollte ich vielleicht anfangen mein Leben niederzuschreiben, denn meine Zeit ist begrenzt und ich würde das hier gerne noch fertig stellen. Ich denke meine eigentliche Lebensgeschichte beginnt mit meinem Tod vor 23 Jahren. Meine Kindheit ist sehr uninteressant und unspektakulär.
Nun ja, ich habe mich nach meinem Tod nicht wesentlich verändert. Selbst meine Frisur ist noch die alte, nur mein Kleidungsstil ist mit der Zeit gegangen, schließlich fällt man auf der Straße zu sehr auf, wenn man in einem beigen Hemd und einer grünen Cordhose unterwegs ist und aussieht als käme man von irgendeinem Filmset der 80er Jahre.
Aber, …ich denke ich sollte mich entschuldigen, denn ich habe vollkommen vergessen mich vorzustellen…
Dies wäre wohl jetzt der richtige Zeitpunkt um es nachzuholen…. mein Name ist Vincent Shaw, aber meinen Nachnamen habe ich schon lange nicht mehr benutzt, also vergessen wir ihn ganz schnell wieder, dieses Wort ist nie ausgesprochen worden… dies ist es natürlich gerade eben, aber, nun ja, gehen wir davon aus, dass es eben nicht der Fall war. Also mein Name ist Vincent und ich bin etwas, was die Filmindustrie und Literatur schlicht und einfach Geschöpfe der Nacht oder salopp Vampire nennt. Gegen die Bezeichnung Vampir habe ich nichts, aber dieses „Geschöpfe der Nacht“ klingt in meinen Ohren etwas geschwollen, wenn sie verstehen was ich meine.
Wahrscheinlich denken sie jetzt, ich bin völlig durchgeknallt und gehöre in eine Irrenanstalt… Ich kann mir vorstellen was sie denken… -Erst bricht dieser Verrückte ins London Eye ein, tötet eine junge Frau und bezeichnet sich dann selbst auch noch als Vampir, obwohl doch jeder weiß, dass es solche Wesen überhaupt nicht gibt. Dieser Kerl hat wahrscheinlich zu oft „Dracula“ oder „Interview mit einem Vampir“ gesehen….-
Mir kann das egal sein, was andere von mir denken, denn wenn jemand das hier liest, werde ich schon tot sein…
Aber nun weiter mit den wichtigsten Fakten zu meiner Person. Wie eben erwähnt bin ich ein Vampir (an den Gerüchten, dass es in London Vampire gibt, ist tatsächlich was dran), allerdings nicht frei, sondern ich bin das Eigentum eines, oder besser einer anderen Vertreterin meiner Rasse. Man könnte diese reizende Lady auch als meine Femme Fatale bezeichnen, von deren Fesseln ich bis zu meinem endgültigen Ableben gefangen bleiben werde.
Ich werde mit meiner Schilderung der Ereignisse in der Nacht beginnen, in der ich mein Leben als Wesen des Tages aufgab und die Grenze zur Nacht übertrat.
So weit ich mich erinnern kann (ich habe eigentlich ein gutes Gedächtnis), war es der 30 September 1980. Damals war ich noch ein einfacher Literaturstudent an der University of London, der den ganzen Tag nichts als Saufen und Weiber, ab und zu noch eine Vorlesung oder Prüfung im Kopf hatte… aber nun ja, das wesentliche meines so kümmerlichen Lebens drehte sich um die beiden erstgenannten Dinge.
Wenn man es genau nimmt war es bereits der 1 Oktober als ich auf Lilliana traf, aber ich rechne bereits ab dem 30 September, da es mein letzter Tag auf der Seite des Lichts war.
…Da war ich nun, ein einfacher Student der von einer Studientour (…wie schaffe ich es der jungen Bibliothekarin am leichtesten unter den Rock zu sehen) in der British Libary am Abend noch in einem modrigen kleinen Pub in der Euston Road versackt war und sich nun leicht angetrunken auf dem Weg nach Hause befand. Wie beinah jeder Student war ich Chronisch lauffaul und so fuhr ich die doch relativ kurze Strecke mit der U-Bahn, … natürlich ohne gültiges Ticket, da ich mein Geld in Frischgezapftes englisches Bier umgesetzt hatte. Ich muss wohl eingenickt sein, denn als ich wieder zu mir kam befand sich die U-Bahn bereits kurz vor der Station der Charing Cross Road. Mittlerweile bereue ich, an der dieser Station ausgestiegen zu sein, denn wie es sich kaum 5 Minuten Später herausstellte, sollte ich noch in diesen frühen Morgenstunden sterben.
U-Bahn Stationen in der Nacht haben immer etwas unheimliches, man kommt sich vor wie dieser Kerl in dem Film 28 Days Later, der durch diese ausgestorbene Stadt läuft, nur mit dem Unterschied, dass mir keine Zombies sondern ein Vampir begegnete.
Anfangs fand ich sie noch anziehend, gerade zu erotisch, salopp ausgedrückt sie machte mich geil… (Verzeihung für diese Wortwahl) …doch so sind nun einmal die Triebe eines Mannes und schon immer hatten ältere Frauen eine gewisse Anziehung auf mich ausgeübt (doch wenn man das Alter von Lilliana bedenkt…). Das soll nicht heißen, dass ich mir jemals beim Anblick eines Fotos meiner Großmutter eine runtergeholt hätte, oder so etwas in der Art, dass wäre dann schon pervers, da meine Großmutter bereits vor meiner Geburt gestorben war.
Aber auf den ersten Blick schätzte ich Lilliana so um die 30 und so etwas erregte nun mal einen 21jähringen wie mich.
Da fällt mir ein, dass ich mein Aussehen noch nicht genau beschrieben habe, solche (für mich unwichtigen) Dinge vergesse ich leider zu oft.
Wie am Anfang meiner Erzählung erwähnt habe ich mich äußerlich nicht wesentlich verändert, innerlich mag ich reifer geworden sein, aber das tut im Moment (noch) nichts zur Sache.
Mein Gesicht habe ich seit 23 Jahren zwar in keinem Spiegel oder ähnlichem mehr gesehen, aber ich habe ein gutes Gedächtnis (dem ich auch gern einmal mit ein paar Fotos von meiner Wenigkeit auf die Sprünge helfe).
Ich würde mich damals als auch heute als gut aussehend betrachten (Soll ich ihre Gedanken lesen ? Ich denke sie halten mich jetzt für eingebildet …-Wie kann dieser Verrückte nur so etwas von sich behaupten, höchstwahrscheinlich war er hässlich wie die Nacht und hatte zu alledem noch eine Warze auf der Nase-). Nun ja.. ich war weder zu dick, noch zu dünn, sozusagen ein gesundes Mittelmaß… (ich hätte es mit der Figur wahrscheinlich nicht auf das Titelblatt eines Sportmagazins gebracht, da es mir an Muskeln mangelte)… Meine Haarfarbe war nicht so ganz genau zu definieren, einige sagen sie waren mehr rötlich, andere meinten sie wären braun. Ich war zu faul und hatte auch nicht das nötige Kleingeld, um regelmäßig zum Frisör zu gehen (ich habe einmal versucht sie selbst abzuschneiden, aber das Ergebnis war so katastrophal, dass ich nicht mehr darüber reden bzw. schreiben möchte), daher habe ich meine Haare wachsen lassen und sie, wenn sie mich gestört haben (und das kam mehr als einmal vor) zu einem lockeren Zopf zusammengebunden der sich nach einer knappen Viertelstunde bereits wieder ihn Wohlgefallen aufgelöst hatte.
Ganz genau genommen hatte ich ein Allerweltsgesicht und wäre niemanden auf der Straße im vorbeigehen aufgefallen, vielleicht haben sie mich schon einmal des Nachts auf den Straßen Londons gesehen und nicht sonderlich beachtet (bzw. Sie haben mit meinen Zähnen Bekanntschaft gemacht). Das einzig interessante an mir, und auch das das Liliana dazu bewog mich zu ihrer Marionette zu machen, waren meine Augen… die Grundfarbe der Iris war braun das langsam zur Mitte hin in ein stechendes Grün überging. Ich musste mir oft, …sehr oft von ihr anhören, dass sie skrupellos und allzeit bereit zum töten waren. Ich empfand das nicht so.
Aber nun genug zu mir, denn ich denke die Umstände meines Todes sind wesentlich interessanter und diese Nacht dauert schließlich nicht ewig.
Wie gesagt, war irrte ich leicht alkoholisiert in den langen Gängen der Charing Cross U-Bahn Station herum. Wenn ich mich daran erinnere steigt mir wieder dieser Übelkeitserregende Geruch von Pisse und anderen Menschlichen Ausscheidungen in die Nase. Ich denke sie waren auch schon einmal nachts in einer U-Bahn Station, denn um diese Zeit kann man förmlich die Schwaden dieses penetranten Geruchs sehen, die geräuschlos durch die verlassenen gefliesten Gänge ziehen.
Ich lehnte mich an die Wand solch eines gefliesten Gangs, da sich mittlerweile alles in meinem Kopf wild im Kreis drehte. Ich glaube ich hätte damals das letzte Bier nicht trinken sollen, dann wäre mir wahrscheinlich auf die Flucht vor Lilliana gelungen und ich wäre jetzt ein zufriedener, verheirateter Mann Mitte vierzig der abends mit seiner Aktentasche nach Hause kommt, von seiner Frau, den zwei Kindern und einem kleinen kläffenden Hund begrüßt wird und sich wünscht aus diesem langweiligen Alltagstrott herauszukommen und einmal etwas aufregendes wie Packeistauchen in Alaska zu unternehmen.
Oder ich wäre im Alter von dreißig von einem der roten Doppeldeckerbusse angefahren worden, würde jetzt im Rollstuhl sitzen und wäre mit meiner Krankenschwester verlobt bzw. verheiratet… Ich liebe es, mir solche Dinge auszudenken….
Aber genug zu meinen Träumereien, die Dinge, die ich mir ausdenke werden sowieso niemals passieren… Wo war ich stehen geblieben ? Ach ja, bei dem Bier. Ich lehnte mich also an die Graffiti beschmierte Wand und zündete mir eine Zigarette an, was für eine Marke das war, weiß ich leider nicht mehr… ist aber auch egal, denn ich habe nach meinem Tod das Rauchen aufgegeben. Ich hörte Schritte, doch was sollte mich das kümmern ? Es war wahrscheinlich nur ein Penner, der sich einen Trockenen Platz zum schlafen suchte… ich habe damals nicht so weit gedacht, dass Penner keine Schuhe mit hochhackigen Absätzen trugen, dessen klackern wie Donnerschläge durch den Gang schepperte.
Ich blinzelte nur kurz mit den Augen und da stand SIE auch schon vor mir. Mein Blick fiel direkt in ihre eiskalten, stechenden stahlgrauen Augen, die mich wie die eines Raubtieres fixierten. Ich sog scharf die Luft ein, als ich ins dieses lebendig gewordene Eis sah… noch wusste ich nicht, was sie von mir wollte, geschweige denn vorhatte. Eine ihrer schlanken Hände wanderte an meiner Brust herunter und die andere befand sich direkt rechts neben meinem Ohr und stützte sie an der Wand ab. Ich sah ihren weißen makellosen Arm direkt neben meinem Gesicht… ein goldener, breiter Reif um ihr Handgelenk ließ sie wie eine Edelhure aussehen.
Mir entging der penetrante Geruch von Metall der aus ihrem Mund drang, da ich doch etwas von ihrem Knie abgelenkt war, das sich zwischen meinen Beinen leicht auf und ab bewegte und somit an der Innenseite meiner Oberschenkel rieb. Ich keuchte leise vor Überraschung auf und biss mir auf die Unterlippe… der Biss muss wohl etwas fester gewesen sein, denn kurz darauf merkte ich, wie mir etwas warmes, Feuchtes die Lippe herunter rann.
Ich sah wieder in die Augen der mir (noch) Unbekannten… sie hatten einen dämonischen Glanz angenommen und fixierten genau meine Lippe. Die ersten Worte, die sie zu mir gesprochen hatten, klingen noch immer in meinem Kopf „Blut hat etwas wunderbares, nicht wahr… der Saft des Lebens…“ Was ich darauf geantwortet habe… ich weiß es nicht… wahrscheinlich nichts, denn einer ihrer Finger strich während ihrer Worte über meine Lippen… sie führte ihn zurück zum Mund und leckte das Blut ab… Ihr entfuhr ein leises Stöhnen …“So gut… Gibst du mir mehr ?“
Okay, das ist jetzt die Stelle wo es langsam unheimlich wird und man schleunigst das Weite suchen sollte, …jeder andere hätte das wahrscheinlich getan, aber nicht ich… Nein… nicht der gute, alte Vincent… nein… ich bin stehen geblieben und habe darauf gewartet was sie als nächstes tun wird… ich verfluche meine Dummheit !
Warum musste ich Vollidiot ihr auch unbedingt mehr geben ? Wahrscheinlich lag das an meiner Interpretation des gesamten Szenarios… Ich meine, … welches weibliches Wesen läuft schon mitten in der Nacht durch eine modrige U-Bahn Station und spricht wildfremde Männer an ? In meinem Spatzenhirn habe ich nicht realisiert, dass diese Szene äußerst gefährlich für mich werden könnte…
Ihre Stimme klang süß wie Gift in meinen Ohren „…Wenn du mir keine Antwort gibst, dann nehme ich mir einfach was ich will ! …und das tat sie auch… Anfangs dachte ich noch sie wollte mich Küssen, dann glich dieser Kuss immer mehr einer Vergewaltigung, da sie mich einfach in die Lippe biss. Ich sah wie sich ihr Kehlkopf bewegte als würde sie schlucken… das wurde mir dann schließlich doch zu viel und ich stieß sie unsanft von mir weg. Sie taumelte zurück und wischte sich mit dem Handgelenk über den Mund.
Zum ersten Mal konnte ich sie richtig betrachten… sie war schlank und hochgewachsen, rote, volle Lippen, langes dunkles Haar, Augen aus grauem Eis… und nicht zu vergessen ihre festen, wohlgeformten Brüste, die sich unter ihrer Bluse hervorwölbten…
Wilde Gedanken schossen mir bei ihrem Anblick durch den Kopf. Wie gerne hätte ich sie hier und jetzt gefickt, es wäre ganz einfach gewesen ihr den Rock ein Stück hochzuschieben, ihr Höschen herunterzuziehen und meine Hose zu öffnen. Das wären nur ein paar einfache Handgriffe gewesen… (Ich entschuldige mich für das hier geschriebene, aber ich bin nun einmal ein Mann und kann meine Triebe nur schwer unterdrücken, bitte verzeihen sie mir)
Ich lehnte noch immer an der Wand, allerdings mehr verkrampft als entspannt. Was wollte diese Frau von mir ? …Ich sollte es noch früh genug erfahren…
Sie bewegte sich langsam und grazil wie eine Raubkatze auf mich zu. Jeder ihrer Schritte schien in antrainiert, oder eher angeboren zu sein. Ihre Augen waren noch immer starr auf meine blutige Lippe gerichtet. Sie streckte ihre Hand nach mir aus. Ich spürte wie sich ihre schlanken Finger um meine Kehle schlossen und leicht zudrückten. „Ähm, Miss…was soll der Scheiß… ?“ Das oder so etwas in der Art habe ich damals zu ihr gesagt, als ihre eiskalten Finger ganz langsam aber stetig einen immer fester werdenden Druck auf meinen Kehlkopf ausübten. Wenige Sekunden nach meinen Worten konnte ich schon nicht mehr sprechen, obwohl diese seltsame Frau zierlich und zerbrechlich wirkte hatte sie die Kraft einer Dampfwalze. Ich verlor den Boden unter den Füßen, wurde an der Wand entlang nach oben geschoben. Aus einer Woge der Hilflosigkeit zuckte ich noch einmal kurz mit den Füßen, dann verlor ich die Gewalt über meinen Körper. Meine Arme und Beine hingen schlaff nach unten, …das Gesicht der Unbekannten verschwamm langsam… Ich spürte wie mein Körper herumgerissen und weggeschleudert wurde…
Sie hatte mich auf die Gleise der U-Bahn geworfen. Benommen versuchte ich aufzustehen, doch sie saß bereits auf meinen Beinen und beugte sich über mich. Zum ersten mal sah ich ihre langen spitzen Eckzähne. Sie riss den Mund auf und ihr Speichel tropfte mir ins Gesicht. Unsanft drückte sie meinen Kopf zurück auf die kalte Metallschiene… ihre Fingernägel kratzten durch mein Gesicht als ihre Hand zu meiner Brust wanderte. Ich hörte das zerreißen von Stoff, sie musste mir wohl das Hemd aufgerissen haben.
Etwas kaltes, Feuchtes strich mir suchend über den Hals… vermutlich ihre Zunge. Dann…, sie schien die richtige Stelle gefunden zu haben, biss sie zu. Es ist wirklich kein angenehmes Gefühl, wenn sich diese langen Zähne durch die Haut bohren… man spürt richtig wie sie einem den Lebenssaft aussaugen… man weiß genau, dass man sterben wird und ist machtlos irgendetwas dagegen zu unternehmen, da man wie paralysiert ist.
Ich konnte es nicht verhindern… also ließ ich alles stumm über mich ergehen und fügte mich meinem Schicksal… Ich weiß nicht genau, wie sie mich dazu gebracht hat, von ihrem Blut zu trinken um so ein Vampir zu werden, da ich bereits vorher das Bewusstsein verloren hatte… aber irgendetwas in meinem inneren sagt mir, dass ich es überhaupt nicht wissen will.
Mein erster Tag, oder besser meine erste Nacht als Vampir war ein regelrechter Albtraum. Ich wachte schweißüberströmt und nackt in einem abgedunkelten Zimmer auf… mir kam es so vor als ob Lava durch meine Adern fließen würde… ich krampfte mich vor Schmerzen zusammen und stieß panische Schreie aus. Doch niemand schien sich für mich zu interessieren, niemand kam um nach mir zu sehen… oder um die Ursache der Schreie herauszufinden. Ich schrie so lange, bis meine Stimme versagte und ich keine Kraft mehr hatte. Mein Schädel hämmerte und mein linkes Schulterblatt brannte… Als ich realisierte was mit mir geschehen war, bevor ich das Bewusstsein verlor wurde mir einiges klar. Vorsichtig fuhr ich mit der Zunge meine Zähne entlang, …stoppte an einem der beiden Eckzähne und betastete ihn vorsichtig… er schien ganz normal zu sein, weder abnormal lang noch spitzer als sonst… Hatte ich mir das etwa alles eingebildet ? …Aber wenn ja, wo war ich dann hier, denn so wie es aussah, war das nicht meine kleine Studentenwohnung, in der ich nicht einmal ein Bett besaß und auf dem zerschlissenen Sofa schlafen musste. Hier lag ich eindeutig in einem Bett und auch noch in einem ziemlich großen…
Ich blieb nahezu regungslos noch etwas liegen, bis die Schmerzen nachgelassen hatten und dachte nach. …Wer war diese Frau gewesen und was wollte sie von mir ? Warum hatte sie mich auf die Gleise der U-Bahn geworfen und warum hatte sie so spitze Zähne ?...
Mühsam richtete ich mich im Bett auf. Meine Schulter brannte noch immer und ich drehte den Kopf so, dass ich sie näher in Augenschein nehmen konnte. Zwei dunkelrote Linien zogen sich gerade über die fast weiße Haut meines Schulterblattes und überkreuzten sich in der Mitte… warum war meine Haut so blass ? Ich betrachtete meine Arme… die Haut wirkte wie Porzellan…
Ich sah mich im Zimmer um… es war grau und staubig… an der Wand hing ein Bild oder etwas in der Art, allerdings war es von einem Tuch verhüllt. Mit zittrigen Beinen stand ich auch und wickelte mir das Betttuch um die Hüfte um meine Blöße zu verdecken. Langsam ging ich zu der Wand an der dieses verhangene Bild hing und zog das Tuch herunter.
Die silbrig glänzende Oberfläche eines Spiegels kam zum Vorschein, doch … ich war darin nicht zusehen… Der Spiegel gab genau das Zimmer hinter mir wieder, nun ja… nicht ganz genau, denn ich war darin nicht zu sehen… Ich konnte das Bett sehen und die verhangenen Fenster, durch die schwachen Lichtstrahlen auf den Fußboden fielen… Ich wich erschocken zurück und warf das Tuch wieder über den Spiegel. Das konnte doch alles nicht wahr sein… so etwas gibt es doch nicht, das war doch alles ein schlechter Scherz ! Genau… das war es ! Irgendjemand erlaubte sich einen Scherz mit mir und ich war voll darauf hereingefallen ! So und nicht anders war es… wahrscheinlich steckten meine Studentenkumpels dahinter… die hatten irgendeine Schlampe engagiert um mich zu attackieren… wahrscheinlich saßen sie jetzt irgendwo hier in diesem Haus und machten sich über mich lustig…
Ich grinste und ging zu Tür… sie war verschlossen… na super, jetzt hatten sie mich auch noch eingesperrt… wie lustig ! Äußerst amüsant, muss ich schon sagen, …Respekt, so etwas wäre mir höchstwahrscheinlich nicht eingefallen !
Na… wenn die Tür verschlossen war, blieb mir ja immer noch das Fenster aus dem ich entkommen konnte. Der Teppich war staubig… hier war wohl schon seit Jahren nicht mehr richtig geputzt worden… Die winzigen aufgewirbelten Staubkörnchen schimmerten in den schwachen Lichtstrahlen, die durch das verhangene Fenster hineinfielen. Ich näherte mich immer weiter dem Fenster. Als ich mich am Hinterkopf kratzte wurde mir Bewusst, dass meine Haut eiskalt war, doch ich fror nicht.
Mein Schienbein berührte einen der Lichtstrahlen und ich taumelte zurück. Das hatte sich gerade angefühlt, als würde meine Haut verbrennen. Ich bückte mich und betrachtete mein Bein, tatsächlich… die Haut schien an einem schmalen Streifen verbrannt zu sein, sie war stark gerötet und begann bereits kleine Bläschen zu bilden. Vorsichtig fuhr ich mit den Fingern darüber… das tat verdammt weh…
Wie lange ich noch in dem Zimmer eingesperrt war, kann ich nicht genau sagen, da ich weder eine Uhr, noch ein anderes Gerät zur Zeitmessung besaß. Von dem Fenster habe ich mich ferngehalten, da ich nicht wusste was mich dahinter erwartete. Ich gebe es zu, dass ich neugierig war, doch das kleine Erlebnis mit meinem Schienbein zügelte meine Neugier.
Jedoch war ich nicht mehr nackt, denn bei genauerem Umsehen hatte ich einen in die Wand eingelassenen Schrank entdeckt, in dem ein paar staubige Kleider aufbewahrt wurden. Es war zwar nicht die neuste Mode, doch dachte mir besser als gar nichts und zog sie an. Die Kleider waren ein paar Nummern zu groß, doch das kümmerte mich nicht sonderlich, schließlich war es peinlicher nackt zu sein.
Als ich noch einmal die Tür kontrollierte, war sie aufgeschlossen… Warum hatte ich Idiot nicht mitbekommen ? Ich hätte zu gerne dem Verantwortlichen eine verpasst.
Der Rest des Hauses war genau so staubig und alt wie das Zimmer, in dem ich gefangen war. Es hingen keinerlei Bilder an den Wänden, nicht einmal ein verhangener Spiegel, wie der in meinem Gefängnis war zu sehen. Dafür gab es reichlich Türen zu anderen Zimmern, wenn hier Menschen lebten, wie viele waren das wohl.
Ich folgte dem langen Gang, an dessen Ende ich eingesperrt worden war und krempelte mir ich Gehen die Ärmel des alten Hemdes hoch, das ich notdürftig angezogen hatte. Das Brennen in meinem Körper hatte nachgelassen, lediglich das Kreuz an meinem Rücken und der verbrannte Streifen Haut an meinem Bein pochten mit jedem Herzschlag (so seltsam es auch klingen mag, ein Vampir besitzt so was wie einen Puls und eine Atmung, auch wenn der Rest des Körpers bereits tot ist).
Gedämpfte Stimmen drangen an mein Ohr, …Stöhnen, Geflüster… aus einer anderen Richtung drang ein Schrei, dann ein Geräusch als ob Knochen zerbersten… ein leises Plätschern…
Ich kam zu einer Treppe und ging sie hinunter, dieses Haus schien nicht normal zu sein. …Ein lange dunkelrote Spur zog sich die Treppe hinunter, oder herauf… ich konnte es nicht genau sagen. Es schien eingetrocknetes Blut oder so etwas zu sein… bei dem Gedanken an Blut überkam mich eine Woge der Lust. Ich war wie in Trance… töten… Blut … töten … BLUT ! … TÖTEN ! … Eine Stimme in meinem Kopf wiederholte immer diese beiden Worte. Ich wusste nicht mehr was ich tat… meine Beine knickten wie automatisch ein, ich fiel auf die Knie und begann über die dunkelrote Spur auf der Treppe zu lecken…
Dann erschien sie zum zweiten Mal… „Na, na, na… bist du schon so hungrig, dass du die Reste anderer brauchst, so unselbstständig mein hübsches Spielzeug ?“
Ich hob meinen Kopf vom Boden und drehte ihn in die Richtung aus der die Stimme kam, zum Fuß der Treppe.
Da stand SIE… die seltsame Frau aus der U-Bahn. In ihren Armen wiegte sie einen abgetrennten Kopf einer jungen Frau wie ein Baby… Die trüben Augen des Schädels starrten mich unentwegt strafend an, als suchten sie einen schuldigen, der sie in diese Situation gebracht hatte. Dunkles Blut tropfte auf den Boden… Mein Körper schien außer Kontrolle geraten zu sein… ich stolperte halb die Treppe herunter und riss ihr den Kopf aus der Hand… Gierig vergrub ich meine Zähne in dem Blutigen stumpf, an dem normalerweise der Torso sitzen sollte und begann zu saugen. Das noch warme Blut rann mein Kinn herunter und tropfte auf das vergilbte weiße Hemd, das ich trug.
Erst später wurde mir bewusst was ich da getan hatte und ich bereute es… dies war das erste Mal gewesen, dass ich das Blut eines fremden Lebewesen getrunken habe… sie war zwar eine Obdachlose gewesen, was ich erst später erfuhr, doch mich plagten Schuldgefühle.
Noch immer fühle ich mich unwohl, sobald ich meine Zähne in dem Fleisch eines anderen Menschen versenke, doch wenn ich es nicht täte würde mich der Durst kontrollieren und ich würde so wahrscheinlich wahllos Menschen töten. So suche ich mir meine „Opfer“ selbst aus. Wenn ich mich unter Kontrolle habe, muss ich sie nicht einmal töten, da ich ihnen nicht alles Blut aussauge. Sie brechen lediglich zusammen und können sich später an nichts mehr erinnern. Es sind auch nie die Spuren meiner Zähne zu sehen, da diese Wunden selbst bei normalen Menschen innerhalb von 1 – 2 Stunden wieder verschwinden… für diese Menschen war es dann nur ein einfacher Kreislaufzusammenbruch.
Noch an diesem Abend erfuhr ich, zu was SIE, oder besser Lilliana mich gemacht hatte… einem Vampir…, oder eher zu ihrem Spielzeug. Zuerst wollte ich ihr nicht glauben, doch dann erinnerte sie mich an den Vorfall mit der Obdachlosen (oder besser gesagt ihrem Kopf)… und ich glaubte ihr. Es war für mich schwierig zu begreifen, dass es tatsächlich Vampire gab, noch dazu hier in London, der Stadt in der ich mich bis jetzt immer sicher gefühlt hatte.
Das schlimmste für mich war, dass ich jetzt als ihr Eigentum gekennzeichnet war und somit keinen eigenen Willen mehr besaß… wenn sie mir etwas befahl, musste ich ihren Wünschen nachkommen… für jemanden, der bis jetzt immer in der Freiheit gelebt hatte, alles zu tun wozu er Lust hatte, war dies schwierig… sehr schwierig. Lilliana sagte, ich solle glücklich darüber sein, dass sie mich ausgewählt hatte, ihr neues Spielzeug zu sein, denn dies wäre (angeblich) eine große Ehre… ich empfinde das nicht so… Die hatte sich wirklich bereits genug Spielzeuge und willenlose Puppen erschaffen… Wesen, die nur noch lebten um Lillianas Lust und ihren eigenen Blutdurst zu befriedigen, zu etwas anderem waren sie nicht mehr nütze. Einige dieser Puppen waren schon alt… vielleicht nicht so alt wie ihre Herrin, doch alt genug um den Wandel dieser Stadt in allen Einzelheiten miterlebt zu haben. Nun war ich ihre neuste Errungenschaft, praktisch ein junges Fohlen das erst noch richtig eingeritten werden musste… ich war ihr Liebessklave, der ihr praktisch alle Wünsche von den Augen ablesen musste… je öfter sie bzw. ich mit ihr schlief, desto größer wurde mein Hass auf sie… ihr Verhalten widerte mich an. Ich hatte nie meine Ruhe, eine Flucht vor ihr war unmöglich, …ich habe es oft versucht, doch ich wurde jedes mal von ihren Sklaven aufgespürt und zu ihr zurückgebracht.
Also nahm ich mein Schicksal schweigend hin… in stillem Protest zog ich mich immer mehr zurück und verließ jedes Mal das Haus, wenn ein neuer Obdachloser als Festmahl herbeigebracht wurde.
Ich suchte mir selbst Nahrung, auch wenn es oft schwierig war und ich eine Nacht hungern musste, dann bereute ich, nicht mehr gemeinsam mit Lilliana und ihren Spielzeugen zu trinken… Der Hunger ist das schlimmste… man liegt auf seinem Bett, kann nicht schlafen und quält sich… der Körper verlangt nach frischem Blut, doch du kannst es ihm nicht geben… du fühlst dich ausgezehrt und kraftlos und wartest nur noch auf die nächste Nacht um deinen Durst zu stillen… Sekunden werden zu Stunden und du wartest nur darauf, dass diese verdammte Sonne endlich verschwindet. Einmal habe ich mir vor Hunger meinen Unterarm zerbissen, wodurch ich nur noch mehr Blut verlor… Lilliana opferte eines ihrer ausgedienten Spielzeuge um mich zu retten… als „Dank“ zwang sie mich, mit ihr zu schlafen… ihr Körper roch nach verwesendem Fleisch, auch wenn ihr äußeres schön sein mag, diese makellose Hülle täuscht nur, innerlich ist sie nichts weiter als eine verwesende Leiche… …so wie ich auch… und wie alle anderen in diesem verfluchten Haus.
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